“Die Meppener Asstaubenschmiede“, so las ich kürzlich in einer Ankündigung für ein Forum mit Günter Prange. Günter als Schmied und sein Zuchtschlag als Schmiede – ein schöner Vergleich. Einem Schmied gleich hat Günter über Jahre hin einen eigenen Brieftaubenstamm von überragender Qualität geformt, der in Deutschland nach meiner Meinung seinesgleichen nicht hat. Günter züchtet in seiner Asstaubenschmiede Tauben, deren Fähigkeiten in Zucht und Reise überwältigend sind. Tauben, die alles vermögen, die nicht nur schnell sind, sondern auch ausdauernd, die auf allen Entfernungen unter schwersten Bedingungen zu glänzen wissen. Was mich aber am meisten überzeugt, ist die Tatsache, dass sie ihre Schnelligkeit, Kraft und Ausdauer nicht nur in Meppen beweisen, sondern überall in Deutschland auf ungezählten Schlägen.  
An der Wiege der Meppener Taubenschmiede standen Delbartauben mit einer besonders guten Eignung für die weiteren Flüge, später kamen die schnellen Tauben von Cornelius und Gerard Koopman hinzu. Aus der Verbindung dieser Tauben ist der Ringlose hervorgegangen, der Stammvater des heutigen Leistungsstammes bei Günter Prange. Muss nicht jemand, dem es gelungen ist, einen Stamm zu züchten, der national und international solch eine große Reputation erfährt, mehr vom Züchten verstehen als andere? Ich meine ja. Deshalb wandte ich mich mit einigen Fragen zum Thema Zucht an diesen anerkannten Züchter.  

Frage:
Hast du eine Faustregel für die Zucht, also etwas, worauf du einen besonderen Wert legst?

Günter Prange:
Ja, ich will die komplette Taube ohne körperliche Mängel aus einer starken Leistungsfamilie. Dabei lege ich einen besonderen Wert auf ein geschmeidiges Gefieder, einen schnellen Flügel mit kurzem Oberarm und eine gute Muskulatur. Wichtiger aber noch als diese leicht erkennbaren körperlichen Eigenschaften sind für mich Intelligenz und Charakter einer Taube. Diesen inneren Werten nachzuspüren, ist ich für mich als Züchter die weitaus schwierigere, aber zugleich auch entscheidende Aufgabe. Man muss schon genau hinschauen und sich Zeit zum Beobachten nehmen, will man etwas über die inneren Werte seiner Tauben herausfinden. Ich mag Tauben mit dem intelligenten Blick, vor allem aber versuche ich, Charakter und Intelligenz am Verhalten der Tauben abzulesen. Dabei hilft mir, dass ich meine Tauben seit Generationen kenne und ich somit Verhaltensweisen deuten kann, weil sie bereits bei guten Vorfahren vorkamen. Worauf es letztendlich wirklich ankommt, wird uns aber für immer ein Rätsel bleiben. 

Frage:
Braucht man ein besonderes Talent, um gute Paare zusammenzustellen, oder ist das Züchten guter Tauben reine Glücksache?     

Günter Prange:
Das nötige Quäntchen Glück gehört natürlich dazu. Mag sein, dass der ein oder andere ein bisschen mehr Gefühl oder ein etwas größeres Gespür bei der Paarbildung besitzt. Vorteile habe ich auf jeden Fall dann, wenn ich meine Taubenfamilie lange kenne. Im Übrigen ist doch klar, dass man versucht, aus außergewöhnlich guten Tauben was zu machen, und sei es auch nur, dass man mehr Junge von ihnen behält und mit der Nachzucht auch sofort weiter arbeitet.

Frage:
Lässt du bewährte Paare zusammen?


Günter Prange:
Bewährte Paare lasse ich auf jeden Fall zusammen. Doch nach der Aufzucht eines Geleges und nach Ablage der Eier des zweiten Geleges, trenne ich das Paar und lasse die Täubin pausieren. Der Vogel allerdings erhält in der Zwischenzeit ein anderes Weibchen, mit dem
er ein Gelege aufzieht, bevor er sein altes ausgeruhtes Weibchen zurückbekommt.


Frage:
Beachtest du bei der Zuchtauswahl noch andere als die oben erwähnten körperlichen Eigenschaften?


Günter Prange:
Ich bevorzuge einen eher etwas kleineren Taubentyp, große Tauben mag ich nicht. Das bedeutet jedoch nicht, dass große Tauben nicht gut sein können. Ich hatte mal eine arg große Taube zum Schlachten beiseite gesetzt. Einem Besucher gefiel das Tier. Er nahm es mit, und es entpuppte sich bei ihm als super Zuchttaube. Die Augen interessieren mich nicht so sehr, zumindest verwende ich keine Lupe. Ich sehe natürlich auch gern ein gut pigmentiertes nicht zu blasses Auge. Ich weiß nicht, wie viele meiner Tauben Farbaugen und wie viele Glasaugen haben, aber ich möchte schon, dass nicht eine Augenfarbe die Überhand bekommt. Wie jeder Züchter habe ich lieber Tauben, die Augen mit kleinen Pupillen haben. Glotzäugige Tauben behalte ich nicht. Ich bemühe mich immer darum, Tauben aneinander zu bringen, die sich vom Typ her ähneln, was für mich nicht besonders schwierig ist, weil ich heute einen ziemlich homogenen Taubentyp besitze. Daher sind Ausgleichspaarungen für mich kein Thema.

Frage:
Du reist nicht mit Weibchen. Wie wählst du deine Zuchtweibchen aus?


Günter Prange:
Ich nehme meine Weibchen als Junge hart ran. Sie nehmen an möglichst vielen und möglichst weiten Flügen teil. Im Übrigen wähle ich sie anhand ihrer Abstammung und der Leistung ihrer Brüder aus. Ich bevorzuge die, die mich an gute Vorfahren erinnern, die in etwa deren Ebenbilder sind.


Frage:
Was verlangst du an Leistung, bevor du einen Vogel auf deinen Zuchtschlag setzt?


Günter Prange:
Ich verlange in der Regel gar keine Leistung, denn viele gute Zuchtvögel haben nie einen Korb gesehen. Dafür gibt es genügend Beispiele. Eins davon ist mein Ringloser. Es gibt mindestens ebenso viele gute ungereiste Zuchttauben wie Tauben, die zunächst auf der Reise glänzten und anschließend in der Zucht. Und ungezählt sind die Reiseasse, die nach ihrer Flugkarriere nie einen guten Sohn oder eine gute Tochter auf die Welt gebracht haben.      
Die Reisetauben, die ich auf meinen Zuchtschlag setze, müssen nicht nur viele Preise geflogen haben, sondern von diesen Preisen müssen die meisten Spitzenpreise sein. Vor allem aber müssen sie ihre Leistungsfähigkeit auf Flügen über 600 Kilometer unter Beweis gestellt haben. Mein „261“ (02098-07-261) mit seinen 10 ersten Preisen sitzt zwar jetzt auf dem Zuchtschlag, obwohl er nie einen 600 Kilometer Flug bestritten hat. Stellvertretend aber haben seine Brüder bewiesen, dass die größeren Entfernungen für sie kein Problem sind. Ein Bruder flog zum Beispiel in diesem Jahr noch bei einer Entfernung von 680 km den 1. Preis.     


Frage:
Spielt das Alter der Elterntiere nach deiner Meinung eine Rolle?


Günter Prange:
Ja und nein! Ja, wenn man mehr ans Reisen denkt. Nein, wenn man das gute Erbgut sichern möchte und Junge direkt für den Zuchtschlag züchtet. Bei alten Tauben lässt in der Regel die Vitalität etwas nach. Das wirkt sich auf die Nachzucht aus. Man sieht es schon daran, dass Junge aus zwei alten Tauben etwas langsamer wachsen. Besonders die Weibchen werden bei mir nicht älter als sieben Jahre, es sei denn, es handelt sich um ganz außergewöhnliche Tauben. Ihre Jungen setze ich dann sofort wieder zur Zucht ein, um den Stamm für die Zukunft zu erhalten. Meist mache ich das im Sommer. Da ich Platz genug habe, können diese Tiere bei mir in Ruhe ausreifen.


Frage:
Paarst du auf dem Papier?



Günter Prange:
Ja, das ganze Jahr über. Ich schreibe alles auf, was mir an Behaltenswertem in den Sinn kommt. Ich habe immer Zettel zur Hand, auf denen ich Ideen oder Einfälle notiere. Besonders, wenn es sich um eine Idee für eine Verpaarung handelt, mache ich mir sofort eine Notiz. Das kann im Bett, im Auto, auf dem Taubenschlag oder sonst wo sein. Ideen, die ich für wichtig oder nützlich halte, werden sofort notiert. Und am Ende des Jahres gehe ich anhand der aufgespießten Zettel alles noch einmal durch und beschäftige mich ausgiebig damit.


Frage:
Was sind deine entscheidenden Kriterien beim Zukauf von Tauben? Holst du die Zugänge bevorzugt in Belgien, Holland oder Deutschland? Kaufst du nur Jungtauben oder auch mal Alte? Achtest du auf die Stärke der Konkurrenz? Müssen abgegebene Tauben bereits auf anderen Schlägen ihre Fähigkeiten bewiesen haben. Holst du dir lieber die Kinder oder die Geschwister der Guten?


Günter Prange:
Ich nehme Kontakt auf zu Züchtern mit außergewöhnlich guten Ergebnissen. Ob in Belgien, Holland oder Deutschland spielt dabei keine vorrangige Rolle. Wenn mir die Tauben gefallen und es sich dabei um eine Familie handelt, versuche ich, von den Besten was zu bekommen. Harry Tamsen sagte mal: „Die Guten kommen alle aus einem Loch!“ Er meinte damit, dass die Guten eines Schlages immer aus einer Quelle stammen, aus der über viele Generationen hin Gutes entspringt. Man muss also möglichst nah an diese Quelle herankommen. Ich hole mir nie alte Tauben dazu, sondern immer entweder Kinder oder Geschwister der Asse. Gern bin ich früh als einer der Ersten bei einem aufstrebenden Schlag. Ich warte nicht ab, bis Tauben des betreffenden Züchters auf anderen Schlägen fliegen. Was die Stärke der Konkurrenz anbelangt, ist man natürlich auf der sichereren Seite, wenn die guten Ergebnisse gegen möglichst große Taubenzahlen oder möglichst viele Züchter erzielt wurden.


Frage:
Wie versuchst du, die Erbanlagen deiner guten Tauben zu erhalten?


Günter Prange:
Das geht nur über die Inzucht. Einen Stamm kann man nicht ohne Inzuchtpaarungen und eine entfernte Verwandtschaftszucht erhalten. Inzucht, die ich anwende, besteht aus Paarungen von Vater mal Tochter und Mutter mal Sohn. Ja, ich bin sogar noch einen Schritt weitergegangen.
Ich habe den Ringlosen mit der eigenen Tochter verpaart. Eine Tochter aus dieser Verpaarung habe ich dann wieder an den Ringlosen gesetzt. Aus dieser Verpaarung ging eins meiner allerbesten Zuchtweibchen hervor. Dieses Zuchtweibchen wird allerdings nur fremd verpaart. So versuche ich, meinen Stamm über Generationen hin zu erhalten. Natürlich achte ich sehr streng darauf, dass diese Inzuchtprodukte ein großes Maß an Vitalität besitzen und auch körperlich meinen Vorstellungen hundertprozentig genügen.
Auf meinem Reiseschlag befinden sich nur gekreuzte Tauben, die allerdings alle miteinander verwandt sind. Diese Verwandtschaft wird dadurch gewährleistet, dass ein Elternteil stets aus meinem Stamm kommt, der auf dem Ringlosen und dem „330“ basiert.


Die Kreuzungstauben, die ich einsetze, habe ich mir zum Teil selbst gezüchtet. Ich verpaare zu diesem Zweck meist in den Sommermonaten Koopman-Tauben miteinander. Diese Tauben stammen bei Koopman aus Linien, die nichts oder nur ganz wenig mit meinem Ringlosen, der bekanntlich aus einem Sohn des Beatrixdoffer von Koopman stammt, zu tun haben. Weil ich diese Tiere für die Kreuzung mit meinen Stammtauben verwenden kann, muss ich nicht ständig Tauben dazuholen.

Frage:
Wie selektierst du deine Zuchttauben?


Günter Prange:
Zunächst ist es so, dass alle Tauben in meinem Zuchtschlag meinen Ansprüchen zu hundert Prozent genügen. Solange diese Tauben gesund und vital sind, haben sie auch ohne befriedigende Nachzucht einige Jahre Kredit. Sie züchten in dieser Zeit mit wechselnden Partnern. Mit Tauben aus meinem Stamm, die bei mir alles bewiesen haben,  habe ich natürlich länger Geduld als mit den dazugeholten Tauben. Um sich ein Bild über die Vererbungskraft machen zu können, müssen alljährlich pro Paar sechs Junge aufgezogen und auf den Jungtaubenflügen getestet werden. Daher ist es besser aus wenigen Paaren viel zu züchten als aus vielen Paaren wenig.
Tauben zu züchten, die man seit Generationen kennt, die einem vom Aussehen, vom Charakter und von ihrer Leistungsfähigkeit her Freude machen, das befriedigt mich und macht mich als Züchter stolz. Die Leistungstests durch die Preisflüge brauche ich als  Bestätigung dafür, wohin ich mich züchterisch bewege. Der Weg zu einer leistungsstarken Taubenfamilie kann manchmal recht lang sein, und es ist viel Geduld gefragt. Am Anfang steht meist eine überragende Taube. Das muss keine Leistungstaube sein. Bei mir war es der Ringlose, der allerdings nur deshalb eine Chance erhielt, weil sein Bruder, der „146“, ein Reiseass war. Hätte es den „146“ nicht gegeben, hätte der Ringlose wahrscheinlich nie eine Chance in der Zucht erhalten. 

© Toni van Ravenstein (Geschrieben für "Brieftaubensport International")

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